In Hildesheim startet morgen die Pro-Tour-Saison 2026. Neben 34 Players Championships zählen auch die mittlerweile 15 European-Tour-Events zur Pro Tour. Für Spieler außerhalb der Top 16 sind die Events maßgeblich für die Qualifikation zu TV-Turnieren – vor allem zur Dart-WM. Doch während sich auf der Bühne die Erfolge nur so aneinanderreihen, tun sich die deutschen Profis auf dem Floor tendenziell schwer, konstante Ergebnisse einzufahren. Aufgrund der aktuellen PDC-Regeln kommt das den Deutschen immer teurer zu stehen.
Titelflut auf der European Tour, Flaute auf dem Floor
Wenn man an deutsche Erfolge bei der PDC denkt, hat man vor allem die Titel auf der European Tour im Sinn: Max Hopp (2018), Ricardo Pietreczko (2023), Martin Schindler (2024, 2025) und Niko Springer (2025) sind die bislang vier deutschen Champions. Allen voran Schindler sorgte für 3 der insgesamt 6 Titel. Demgegenüber stehen lediglich zwei Finalsiege bei Players Championships, erzielt wiederum durch Max Hopp (2018) und Martin Schnidler (2025).
Alleine aufgrund der Anzahl der Events ist das Verhältnis üblicherweise umgekehrt. Bei Top-Spielern der European Tour wie Peter Wright und Gerwyn Price stehen 9 Titeln jeweils 25 und 21 gewonnene Players Championships gegenüber. Rob Cross konnte sogar erst in seinem 7. Jahr als Profi den ersten ET-Titel einfahren, mehrfache Floor-Champions wie Ryan Searle, Ross Smith oder Danny Noppert warten bis heute.
Erklärung nicht alleine durch Heim- oder Fan-Vorteil
Angesichts der vielen deutschen European-Tour-Standorte wurde dies gerne einem möglichen Heimvorteil zugeschrieben. Diese Deutung wurde besonders dann hervorgekramt, wenn es für einen deutschen Spieler in einem Major-Turnier in England früh rausging. Ganz von der Hand zu weisen ist das sicherlich nicht. Max Hopp gewann den ersten PDC-Senioren-Titel eines Deutschen in Saarbrücken, Ricardo Pietreczko und Martin Schindler waren in Hildesheim und Riesa erfolgreich – alle drei wurden auch von den deutschen Fans im Rücken getragen. Mittlerweile reicht dieser Erklärungsansatz jedoch nicht mehr aus. Schindler erweiterte seine Titelsammlung in Basel und Graz, zuletzt verließ Springer in Budapest erstmals den deutschsprachigen Raum. Dazu erreichte der „Meenzer Bub“ ein Finale in den Niederlanden, Pietreczko stand in Belgien in einem Endspiel.
Selten vorhanden war der Heimvorteil bei den Players Championships in Hildesheim. Gerade hier hatte man auf den großen Wurf gehofft. Die Reisestrapazen sind vermeintlich geringer; vor allem aber werden die Players-Championship-Blöcke in Deutschland von den Topstars gerne ausgelassen, die sich im Reisestress der Premier League eine Pause gönnen. Nach dem World Matchplay 2025 sagte die gesamte Top 12 (!) der Weltrangliste ab. Dennoch gab es Turniere, bei denen eine zweistellige Anzahl deutscher Starter schon nach zwei Runden nicht mehr mitspielte. Martin Schindler schaffte im März mit seinem Titel so etwas wie die Erlösung, Ende Juli legte Lukas Wenig ein Finale nach. Überraschende Final-Läufe gab es auf der Tour jedoch immer wieder, etwa von Dominik Grüllich oder Daniel Klose.
Alleine die Frage bleibt, wo die Konstanz ist. Blickt man nämlich auf die Players-Championship-Rangliste des letzten Jahres, findet sich mit Martin Schindler auf Platz 16 nur ein einziger Deutscher in den Top 50 – und das obwohl mit Niko Springer ein vierter Deutscher in die Top 50 der „großen“ Weltrangliste drängt.
Floor-Schwäche zum Teil eingeredet
Auf der Suche nach einer Erklärung muss man bei den Spielern individuell hinschauen: Zunächst Max Hopp, später dann Schindler und Pietreczko haben sich förmlich zu European-Tour-Spezialisten entwickelt. Mit ihren Titeln hatten sie sich eine Setzlisten-Position erarbeitet, wodurch sie gegenüber vergleichbaren Tourcard-Holdern den Vorteil hatten, nicht durch die Qualifikation zu müssen. Aus diesen Chancen konnten natürlich mehr regelmäßige Erfolge entstehen. Der nächste in der Reihe ist Niko Springer, bei dem es schlicht erstaunlich ist, dass er sich bei Players Championships so schwer tut und aus 34 Teilnahmen nur zwei Achtelfinals herausholte. Durch die Qualifikationen zur European Tour (ebenfalls Floor-Events) fegte er nämlich förmlich durch.
Mit Ricardo Pietreczko und Florian Hempel sind es dann gleich zwei deutsche Spieler, die ganz offen mit ihrer Floor-Aversion umgehen. Bei Hempel führte das soweit, dass er sogar Qualifier zur European Tour ausließ, weil er sich dort nicht wohl fühlte. Am Ende des letzten Jahres stand nicht alleine deswegen der Verlust der Tourkarte. Auch Pietreczko sieht sich als Bühnen-Spieler, während es auf dem Floor einfach nicht laufe. Für einen Spieler am Rand der Top 32 sollte ein Titelgewinn oder wenigstens ein Finale im Jahr aber die Mindest-Ambition sein. „Pikachu“ stand noch nie in einem Endspiel, das dritte und bislang letzte Halbfinale auf dem Floor ist über zwei Jahre her. Derweil scherzte Dragutin Horvat mal über die Stimmung am deutschen Tisch, vielleicht können sich die Deutschen also auch zu einer positiven Atmosphäre untereinander unterstützen.
Ansonsten ist man auch geblendet von der extremen Anzahl deutscher Tourcard-Holder. In diesem Jahr wird eine Rekordzahl von 15 Deutschen an den Start gehen, dazu kamen immer wieder Nachrücker von der Challenge Tour. Die Mehrzahl dieser Spieler wird ihre Tourkarte über zwei Jahre hinaus wahrscheinlich nicht halten können, da gehören Niederlagen-Serien einfach mal dazu. Durch die deutsche Brille wirkt das schnell negativ. Beim schnellen Überfliegen der Ergebnisse sieht man nur, dass ein Deutscher nach dem anderen wieder raus ist, obwohl das bei der Leistungsdichte nicht unüblich ist. Zu guter Letzt gehört eine kleine Portion Zufall und Glück dazu, wenn beispielsweise Schindler mehrere Matchdarts in einem ET-Finale übersteht und dies auf dem Floor ausgerechnet nicht passiert.
Neue Regeln machen Floor-Events immer wichtiger
Das skizzierte Modell der European-Tour-Spezialisten ist seit 2024 ein zweischneidiges Schwert. Seither sind mehr Spieler automatisch gesetzt, die Qualifikation für Tourcard-Holder wurde von 24 auf 10 Plätze eingedampft. Wer also einmal aus der Setzliste herausrutscht, kann in arge Probleme geraten. Das hat Gabriel Clemens erfahren müssen, der 2024 noch regelmäßiger Gast war und sich 2025 nur für ein ET-Event qualifizieren konnte. In diesem Jahr ist es Ricardo Pietreczko, der seine Position 2025 mit vielen Auftaktsiegen auf der European Tour retten konnte, nun aber wohl erstmal durch die Qualifikation muss.
Eine weitere Rolle spielt die WM-Erweiterung. Mindestens 80 Tourkarten-Besitzer sind praktisch sicher dabei, während weiterhin nur die Top 64 ihre Tourkarte behalten können. Somit kann zukünftig eine günstige WM-Auslosung über den Verbleib auf der Tour entscheiden, weil ein Erstrundensieg im „Ally Pally“ den Wert eines PC-Finals besitzt. Da die 64 höchstplatzierten Spieler in der ersten WM-Runde nicht aufeinander treffen können, gilt es also, mit Erfolgen bei Players Championships und European-Tour-Qualis auf diese Seite der Auslosung zu kommen.
Um eine alte Fußballer-Weisheit umzuformulieren: „Entscheidend is‘ auf’m Floor!“ Vielleicht klappt es ja gleich zum Auftakt – ausgerechnet in Hildesheim.
Wie geht es bei der PDC weiter?
Die Pro Tour startet in diesem Jahr am Montag, den 9. Februar in Hildesheim mit zwei Players Championships sowie den ersten Qualifiern zur European Tour. PDC.TV überträgt das Geschehen auf vier Boards live.
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Foto-Credit: Jenny Segers, Paul Targyik/PDC Europe, Taylor
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